Völlig unabhängig davon, wie man zum Konflikt insgesamt bzw. zu den involvierten Parteien steht: Für mich gehören Menschen, die sich aktiv an derartigen Protesten mit erhobenen Händen beteiligen, deren Innenflächen (und auch nur diese) rot bemalt sind, zu einer von zwei Arten von Menschen – oder gleich zu beiden.
Entweder zum typischen Protestling, der meint, alle anderen seien dumm und uninformiert, während er selbst über alles Bescheid wisse (obwohl das original niemand tut und auch niemals können wird), wahlweise auch zur ignoranten „It’s not complicated“-Fraktion – oder zu den hasserfüllten, möglicherweise sogar antisemitischen Protestlingen, die sich der untrennbaren Assoziation völlig bewusst sind und sie ggf. noch als Dogwhistle benutzen.
Am 12. Oktober 2000 wurden die beiden Reservisten, die als Fahrer tätig waren, von Polizisten der palästinensischen Autonomiebehörde festgenommen, nachdem sie auf einer Straße offenbar falsch abgebogen und versehentlich nach Ramallah gefahren waren. Sie wurden zunächst in die naheliegende Polizeistation gebracht und dort verhört. Währenddessen verbreitete sich in Ramallah das Gerücht, dass die festgenommenen Israelis Undercover-Agenten der israelischen Armee seien. Eine aufgebrachte Menge von mehr als 1000 Männern zog daraufhin vor die Polizeiwache. Nach Augenzeugenberichten versuchten einige Sicherheitskräfte, die Menge zurückzuhalten. Schließlich stürmten etwa ein Dutzend mit Messern und Metallstangen bewaffnete Männer das Polizeirevier, wo sie auf die Soldaten einstachen, einschlugen, ihnen die Augen und innere Organe herausrissen. Ein Polizist beteiligte sich an dem Mord. Nach kurzer Zeit trat einer der Mörder ans Fenster der Polizeistation und zeigte der draußen stehenden Menge seine blutverschmierten Hände, welche ihm zujubelte. Ein am Tatort anwesendes italienisches Fernsehteam konnte filmen, wie der leblose Körper eines der beiden Soldaten aus dem Fenster des Polizeireviers geworfen wurde und eine Gruppe von draußen stehenden Männern sofort weiter auf den Toten einschlugen und eintraten. Der Körper des anderen Soldaten wurde angezündet und durch die Straßen geschleift. Ein am Tatort anwesender britischer Fotograf versuchte nach eigenen Angaben, die Geschehnisse zu fotografieren. Dabei bedrohten ihn einige der Männer und zerschlugen seine Kamera. In seinem Bericht schrieb er wenige Tage später:
„Dies war das Schlimmste, was ich je gesehen habe, und ich habe vom Kongo, Kosovo und vielen anderen schlimmen Orten berichtet. […] Ich weiß, sie [die Palästinenser] sind nicht alle wie jene und ich bin eine sehr vergebungsbereite Person, aber dies werde ich nie vergessen. Es war ein Mord der barbarischsten Art. Wenn ich darüber nachsinne, sehe ich den Kopf des Mannes, alles zerschmettert. Ich weiß, ich werde bis zum Ende meines Lebens Alpträume haben.“
– Mark Seager, Fotograf. The Sunday Telegraph, 15. Oktober 2000.
Während der Vorkommnisse versuchte die palästinensische Polizei, Journalisten Filmaufnahmen und Fotos von dem Übergriff abzunehmen. Die Leichen der beiden Soldaten wurden nach einigen Stunden an einem Kontrollposten der israelischen Armee abgegeben.
Wikipedia: Lynchmord von Ramallah, aufgerufen am 27.08.2025
Palästinensische Zivilisten haben also diese Polizeiwache gestürmt, ein paar von ihnen konnten eindringen und töteten die israelischen Reservisten unter dem Jubel der restlichen Menge, rissen ihnen die Augen und Organe heraus.
Aber:
Ist ein roter Handabdruck (…ABDRUCK…) nicht ein durchaus bekanntes/auch in anderen Kontexten genutztes Symbol für „An euren Händen klebt Blut“?
Und:
Wird sowas auf Pro-Pali-/Anti-Israel-Demos bzw. auch allgemein auf Demos erst seit 2000 gemacht, oder gibt es das nicht schon lange?
Jedes Jahr am 12. Februar, am Internationalen Gedenktag an das Schicksal von Kindersoldaten, findet die Aktion des „Red Hand Day“ statt.
Weltweit werden rote Handabdrücke gesammelt und anschließend an Verantwortliche übergeben, um mehr Einsatz gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten zu fordern.
Wenn bei diesen Aktionen für Fotos posiert wird, kann man sehen, dass dort Menschen (häufig viele Kinder) lediglich eine Handinnenfläche rot bemalt haben, und diese mit geradem Arm horizontal nach vorne strecken.
Jährlich wird am 24. Januar bedrohten und verfolgten Anwält:innen gedacht – es wird auch die Symbolik einer(!) rot bemalten Hand genutzt, auf der meist der Hintergrund des aktuellen Protests zusätzlich verdeutlicht wird.
Hier ist es Iran – im März 2019 wurde die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh zu 33 Jahren und sechs Monaten Gefängnis sowie zu 148 Peitschenhieben verurteilt, im Juni 2019 Amirsalar Davoudi zu 29 Jahren und drei Monaten Gefängnis und 111 Peitschenhieben (beide wurden später vorzeitig entlassen).
Bei der „Hands Off Syria“-Aktion (oder auch „Hands Off Lebanon“) wird vor allem das Stoppen der Einmischung anderer Staaten in die dortigen Konflikte gefordert.
Der rote Handabdruck ist meist auf einem Plakat zu sehen, zusammen mit dem Slogan.
Im Kontext dieser Aktionen werden jedoch hin und wieder auch Bezüge zu Gaza hergestellt, bzw. wird Israel als einer der verantwortlichen Staaten in verschiedenen Konflikten betrachtet.
Bei Protesten gegen Putin wird dieser häufig mit einem roten Handabdruck im Gesicht abgebildet.
In Serbien/Belgrad wurden an Regierungsgebäuden rote Handabdrücke hinterlassen.
Möglicherweise wurde das Symbol der roten Hand auch schon bei Klima- oder Tierschutzprotesten verwendet (habe jetzt keine Fotos gefunden, aber sehr gut möglich).
Der Unterschied: Sowas geschieht häufig im Rahmen von Inszenierungen, wie sie bei solchen Protesten oftmals stattfinden. Zudem sind die Themen der Demos so unterschiedlich, dass valide argumentiert werden kann, dass eine Assoziation der Symbolik mit den Lynchmorden von Ramallah unzulässig und abwegig ist.
Gab es sowas schon vor 2000?
Ja, bestimmt.
Könnte man es auffällig finden, wie das (vor allem auf Pro-Pali-/Anti-Israel-Demos) nach 2000 zugenommen hat?
Ich denke schon.
Also was fällt auf?
Natürlich ist das Symbol der „roten Hand“ gerade im Kontext von u.a. Antikriegsdemonstrationen, bzw. schon alleine als Redewendung, nichts Neues.
Jedoch wird es auf allen anderen Demos und bei allen anderen Aktionen (zumindest überwiegend) völlig anders umgesetzt.
Ich habe kein Foto finden können, auf dem Protestierende beide Handinnenflächen rot bemalt haben und sie nach oben heben, auf dem nicht auch Pro-Pali-Slogans, Pali-Tücher oder die Pali-Flagge zu sehen war.
Es ist kein Zufall, dass sie die Geste von einem der menschenverachtenden Mörder aus Ramallah exakt imitieren.
Wer da mitmacht oder das als unproblematisch ansieht, ist entweder völlig uninformiert, ignorant oder ist sich der Bedeutung bzw. des Dogwhistles (was die Geste zumindest meiner Meinung nach in gewissen Kontexten ist) vollkommen bewusst.
Wie so oft wird hier mit der Mehrdeutigkeit gespielt, um es Außenstehenden so schwer wie möglich zu machen, diese Geste als das zu outcallen, was sie ist.
Und noch einmal (da es vielen häufig sehr schwerfällt, das zu verstehen):
Es geht hier nicht darum, welche Position oder Meinung man vertritt.
Es geht darum, dass die zunehmende Gewalt, die Bedrohung für jüdische und israelische Menschen weltweit, die Verharmlosung und Verherrlichung von Terror, Mord und Folter, das Abwenden von Fakten und Realität und das Leugnen der Komplexität des Nahostkonflikts, sowie die Obsession mit Lagerbildung und Einteilungen in „vollkommen gut“ und „vollkommen böse“ nicht weiter ignoriert und zum Eskalieren gebracht werden dürfen – dass das alles nicht mehr stillschweigend hingenommen, auf Demos, an denen man teilnimmt, geduldet werden darf.
Und dass sich Menschen, wenn sie sich äußern wollen, verdammt nochmal anständig und vielseitig informieren und in die Historie einlesen müssen (oder sich raushalten sollten), und der Hass ein Ende finden muss, Diskurs wieder möglich werden muss.