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ONKEL TOM – EINORDNUNG UND KRITIK


1. Der Begriff „Uncle“ ist bereits rassistisch kodiert

Früher wurden Schwarze Menschen im anglophonen Raum oft nicht mit „Mister“ oder „Miss“ angesprochen, sondern herabwürdigend mit „Uncle“ oder „Aunt“. Dies diente dazu, ihnen sozialen Status und Würde abzusprechen – vor allem gegenüber weißen Personen. Viele Marken wie „Uncle Ben“ oder „Aunt Jemima“ haben deshalb ihre Namen geändert. Es ist kein Zufall, dass „Uncle Tom“ diesen rassistischen Sprachcode übernimmt.


2. Ursprung in „Uncle Tom’s Cabin“

Die Bezeichnung stammt aus dem Roman Uncle Tom’s Cabin, in dem Tom ein versklavter, tief christlich-religiöser Mann ist. Er lehnt Gewalt ab, hilft anderen Sklaven bei der Flucht und stirbt, weil er sich weigert, sie zu verraten. Der Roman stellt Tom nicht als feige oder unterwürfig dar, sondern als moralisch standhaften Menschen, der sich friedlich gegen Unrecht stellt. Ihn als „Verräter“ zu deuten, ist eine böswillige Umdeutung durch Dritte.

(Siehe: Englischer Wikipedia-Artikel zu „Uncle Tom“ und Artikel der Washington Post)


3. Der Begriff reproduziert koloniale Machtverhältnisse

Mit dem Begriff „Onkel Tom“ wird ein Narrativ bedient, in dem Schwarze Menschen sich weißen Machtverhältnissen unterwerfen und „gute Schwarze“ nur jene sind, die sich anpassen. Diese Logik stammt direkt aus kolonialen und weißen suprematistischen Ideologien.


4. Folgen der Verwendung des Begriffs für Betroffene

Durch die Bezeichnung einer Schwarzen Person als „Onkel Tom“ wird ein moralisches Werturteil allein aufgrund der Hautfarbe der involvierten Personen getroffen. Es wird ein anderer Maßstab an Betroffene und an ihr erwartetes Verhalten auf Grundlage dieses einen Merkmals angelegt. Gegen den Willen der Betroffenen wird somit ihre Hautfarbe zum Gegenstand des Diskurses gemacht und in den Vordergrund gerückt, was weitere Erfahrungen von Rassismus für Betroffene zur Folge haben kann – sei es durch andere Menschen oder durch das Unwohlsein, das durch diese Äußerungen ausgelöst wird.


5. Verfälschung der Romanfigur

Die Vorstellung, Tom sei illoyal oder unterwürfig, stammt nicht aus dem Buch selbst, sondern aus späteren Theaterstücken, die von Weißen produziert und häufig in Blackface aufgeführt wurden. Diese Stücke verzerrten die Figur zum Spottbild – und damit entstand die abwertende Bedeutung des Begriffs. Eine rassistische Verzerrung wurde also zur Grundlage der heutigen Beleidigung.

(Siehe: Englischer Wikipedia-Eintrag zu „Uncle Tom“)


6. Instrumentalisierung durch Black Nationalists

Später wurde die Figur auch von Teilen der Black Nationalist-Bewegung instrumentalisiert, um radikale politische Abgrenzung durchzusetzen. Wer als nicht militant genug galt (Beispiel: Malcom X nannte Martin Luther King u.a.  einen „Onkel Tom des 20. Jahrhunderts“), wurde als „Onkel Tom“ diffamiert. Doch auch hier galt: Die Figur wurde falsch verwendet – nicht zur Analyse, sondern zur moralischen Herabwürdigung.

Dieser communityinterne Missbrauch des Begriffs ändert nichts an seiner problematischen und rassistischen Wirkung.

(Siehe: Aufarbeitung der Geschichte von und zwischen Martin Luther King und Malcom X und Artikel der Washington Post)


7. Problem auch innerhalb Schwarzer Communities

Der Begriff ist auch innerhalb Schwarzer Communities umstritten. Er zementiert ein Bild davon, „wie Schwarze zu sein haben“, und wirkt somit identitätsbeschneidend. Noch schwerwiegender ist es jedoch, wenn nicht-Schwarze Menschen sich anmaßen, darüber zu urteilen, wie sich eine Schwarze Person verhalten solle – und dabei ihre Hautfarbe zum Maßstab machen.


8. Weiße Nutzung = eindeutig rassistisch

In der US-Geschichte haben weiße Personen den Begriff „Uncle Tom“ fast ausschließlich rassistisch verwendet – um Schwarze zu loben, die sich „anständig“ und „angepasst“ verhalten, oder um andere Schwarze herabzuwerten. Es ist ein rassistischer Code, vergleichbar mit dem deutschen Diskurs über „gute vs. schlechte Ausländer“. Vor dem Hintergrund des historischen Kontextes der Sklaverei ist „Onkel Tom“ allerdings als deutlich problematischer und schwerwiegender zu bewerten.


9. PoC ≠ Schwarz

Es ist rassistisch oder mindestens unsensibel, zu behaupten, „PoC“ und „Schwarz“ seien dasselbe – oder machten dieselben Erfahrungen. Schwarze Menschen erleben spezifische, besonders sichtbare und historisch tief verankerte Formen von Rassismus, die z. B. in sozialen Räumen, in Medien oder bei Polizei-Interaktionen eine andere Wirkung entfalten als bei vielen anderen PoC.


10. Maßstab: Wann wäre so ein Begriff überhaupt je vertretbar?

Selbst wenn man den Begriff jemals als berechtigte Kritik sehen wollte, müsste die Situation wenigstens im Entferntesten mit der historischen Gewalt vergleichbar sein, auf die sich der Begriff bezieht – nämlich Versklavung, Entmenschlichung und tödliche Repression. Das ist in den allermeisten heutigen Kontexten nicht der Fall.

(Siehe: Artikel der Washington Post, in den letzten zwei Absätzen)


11. „Onkel Tom“ als Gatekeeping-Mechanismus und Form des Othering

Die Bezeichnung „Onkel Tom“ fungiert häufig als identitätspolitisches Gatekeeping-Instrument, mit dem Personen innerhalb marginalisierter Gruppen von kollektiven Bewegungen ausgeschlossen werden sollen, wenn sie sich – aus Sicht anderer – nicht „richtig“ verhalten. Insbesondere gegenüber Schwarzen Personen wird der Begriff eingesetzt, um ihnen eine unzureichende Solidarität mit der eigenen Community oder gar einen Verrat an dieser zu unterstellen. Dabei handelt es sich zugleich um eine Form des Othering: Die betroffene Person wird innerhalb ihrer eigenen Gruppe zusätzlich als „abweichend“ oder „nicht mehr zugehörig“ markiert. Sie steht somit potenziell doppelt isoliert da – einerseits durch strukturellen Rassismus von außen, andererseits durch symbolische Ausgrenzung von innen. Dies kann dazu führen, dass der betroffenen Person wichtige Unterstützungsstrukturen, Community-Solidarität oder soziale Glaubwürdigkeit entzogen werden. In der Wirkung entsteht eine diskriminierende Zuschreibung, die sowohl individualpsychisch belastend als auch sozial delegitimierend ist – unabhängig von der subjektiven Intention derjenigen, die den Begriff verwenden.


12. Wirkung statt Intention: Beleidigung trotz angeblich „kritischer“ Absicht

Die Verwendung des Begriffs „Onkel Tom“ bleibt auch dann rassistisch wirkmächtig, wenn die absendende Person behauptet, ihn lediglich als kritische Zuschreibung zu gebrauchen. Die rassistische Geschichte und Bedeutung des Begriffs ist gesellschaftlich tief verankert und durch zahllose Diskurse, kulturelle Reproduktionen und politische Kämpfe dokumentiert. Auch eine vermeintlich „nicht-rassistische“ oder „anderweitige“ Verwendung – etwa gegenüber nicht-Schwarzen Personen in der Vergangenheit – hebt diese Bedeutung nicht auf. Vielmehr verkennt eine solche Argumentation die Verantwortung, die mit Sprachhandlungen insbesondere in rassismusrelevanten Kontexten einhergeht. Ab dem Moment, in dem eine Person auf die rassistische Bedeutung eines Begriffs hingewiesen wird, entfällt jeglicher plausible Unkenntnis-Schutz. Wer den Begriff weiterhin verwendet, handelt nicht mehr aus Unwissen, sondern mindestens grob fahrlässig, wenn nicht vorsätzlich. Die Wirkung – nämlich rassistische Herabsetzung, Entmenschlichung und normative Kontrolle Schwarzer Identität – bleibt bestehen und ist entscheidend für die Bewertung.


13. Täter-Opfer-Umkehr durch Entzug von Betroffenheitskompetenz

Die Verwendung von „Onkel Tom“ in politischen oder sozialen Auseinandersetzungen gegenüber Schwarzen Personen erzeugt eine spezifische Form der Täter-Opfer-Umkehr. Der Begriff dient dabei häufig nicht der Analyse von strukturellem Rassismus, sondern der moralischen Abwertung von Betroffenen. Dabei wird einer rassismusbetroffenen Person unterstellt, sie stütze aktiv ein unterdrückerisches System – obwohl sie selbst unmittelbar unter eben diesem leidet. In der Konsequenz wird ihr die Fähigkeit abgesprochen, eigene Rassismuserfahrungen einzuordnen, zu reflektieren oder politisch zu bearbeiten. Ihre Betroffenheit wird delegitimiert, ihre politische Stimme entwertet, und sie wird in pseudokritischer Pose symbolisch auf die Seite der Unterdrückenden gestellt. Dies ist eine Form diskursiver Gewalt, die unter dem Vorwand von Widerstand die Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit marginalisierter Personen massiv beschädigt.